Sagen

Das Höllenbiest von Tospele  
             

Bevor das Fernsehen und das Radio die Abende in den Wohnstuben beherrschten, wurde in den Familien noch viel erzählt. Da scharte der Vater die Kinder um sich und erzählte ihnen Märchen. Oder die Großmutter saß in ihrem Lehnstuhl, strickt einen Strumpf und erzählte Geschichten und Sagen aus der näheren Umgebung. Waren die Kinder aber ins Bett gegangen, erzählten sich die Erwachsenen Geschehnisse aus alten Tagen, nicht nur heiterer Natur. Dabei entwickelte der eine oder andere eine besondere Gabe des Erzählens, die sehr bildhaft und lebendig war.

Ein Nachbarsjunge, der in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts einmal bei Verwandten auf einem Bauernhof im Dortmunder Süden weilte, erzählte damals: "Als wir Kinder im Bett waren, blieben die Großen noch am Herd sitzen. Ich lag im Schlafzimmer darüber und hörte ihr Gemurmel. Aus Neugierde schlich ich mich in den Flur und setzte mich auf eine Treppenstufe. Die Glasscheiben in der Küchentür waren matt erleuchtet und an den Stimmen erkannte ich die verschiedenen Erzähler. Gespannt lauschte ich. Ich zitterte am ganzen Leibe, nicht nur vor Kälte. Schauder des Entsetzens waren es, die mich schüttelten, hervorgerufen durch die schrecklichen Geschichten. Die gruseligsten erzählte der Opa."

Aus einer solchen Tradition heraus mag diese Geschichte stammen, die sich in einer alten Bibel in Hörde fand. Die Bogen waren vergilbt und brüchig und die Schrift nur noch schwer zu entziffern. Wie gut, dass jemand sie sofort in gegenwärtigem Deutsch aufgeschrieben hat, sonst wäre die Sage unwiederbringlich verloren, wie so viele, weil heutzutage dergleichen ja nicht mehr erzählt wird.

Der Nacherzähler berichtet eingangs von den uralten Siedlungen Eichlinghofen, Oespel und über die alte Richtstätte im Krähenbruch. Und dann folgt die Geschichte über das Ungeheuer in der oespeler Heide, das "Höllentier von Tospele" - so hieß Oespel im Mittelalter-.

Dieses Untier war eine riesige Schlange, die in einem Steinhaufen lag. Den Blick hatte sie zum Krähenbruch gerichtet, dorthin, wo der Galgen stand, an dem sich das "Höllenfutter" schaurig im Wind bewegte, umkreist von einem Heer schwarzer Vögel.

Einmal ist ein freier Bauer aus dem Gericht Eichlinghofen durch die Oespeler Heide gekommen. Er war müde geworden und wollte sich am Fuß eines bemoosten Steins ausruhen. Indem er sich niederließ, erblickte er in dem Steinhaufen den Kopf einer großen Schlange. Sie blickte den Mann mit großen, starren Augen an und bewegte sich nicht. Er aber meinte, ihre Stimme zu vernehmen: "Wenn du ein guter Mensch bist, dann erbarme dich meiner in dieser drückenden Gefangenschaft. Ich werde Hungers sterben, wenn du den schweren Stein, der mich einsperrt, nicht hinwegräumst. Schon viele Tage liege ich hier eingeklemmt und warte auf ein barmherziges Wesen, das mich befreit. Sei mein Retter, du guter Mann. Ich will dich ebenso belohnen, wie ihr Menschen die größten Wohltaten zu belohnen pflegt."

Der gutherzige Bauer, der die trostlose Lage der Schlange so lebendig fühlte, hatte Mitleid mit ihr. Die flehende Bitte und das geheimnisvolle Versprechen ließen ihn aller Furcht vergessen. Sogar die Schauergeschichten, die man sich in Eichlinghofen und in der ganzen Umgebung von dem Höllentier in Tospele erzählte, schlug er in den Wind und gab sich daran, den schweren Stein zu entfernen.

Kaum hatte die Schlange etwas Bewegungsfreiheit, schnellte sie aus ihrem Versteck, bäumte sich schrecklich empor und öffnete den Rachen, um den Mann zu verschlingen. Schon ringelte sie sich um den Leib des Bauern. "Holla", rief er, "ist das der Lohn für die Wohltat, die ich dir erwiesen habe?" "Allerdings", zischte das Höllenbiest, "ist Undank nicht der Welt Lohn? Ich versprach dir doch, dich ebenso zu belohnen, wie ihr Menschen die größten Wohltaten zu belohnen pflegt."

Da war es dem Bauern klar, dass er den größten Undank seines Lebens ernten würde, wenn er dem Biest nicht entkommen könnte. Und wenn er sein Leben überdachte, musste die der Schlange sogar Recht geben; denn für seine Hilfsbereitschaft und seine Wohltaten hatte er tatsächlich oft nur Undank geerntet. -

Niemand beobachtete seinen verzweifelten Kampf mit dem Höllenbiest, niemand hörte seine Hilfeschreie. -

Er galt als verschollen.

Die Schlange lebte noch lange in dem Steinhaufen als das Höllenbiest von Tospele, den Blick zum Krähenbruch gerichtet, wo der Galgen stand, an dem sich das "Höllenfutter" schaurig im Winde bewegte, umkreist von einem Heer schwarzer Vögel.

                

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